Eine interaktive Begegnung auf Augenhöhe in Bremens Stadtteil Huchting
Im Rahmen der Landeswochen für Vielfalt und Teilhabe (27. Mai–10. Juni) luden der Bremer Rat für Teilhabe und Diversität in der Migrationsgesellschaft (Bremer Rat), der Kulturladen Huchting und das Quartier Huchting am 3. Juni zur Veranstaltung „Bitte setzen! – Ich will, dass du siehst und hörst, was ich sehe und höre“ ins Bürger- und Sozialzentrum (BUS) ein.
Warum hast du dein Land verlassen? „Niemand trifft die Entscheidung, seine Heimat zu verlassen, leichtfertig“, sagt Zaher. Er flüchtete als 18-Jähriger aus Afghanistan nach Deutschland. Heute sitzt der Rentner mit zwei ihm unbekannten Teilnehmer*innen zusammen, einem Studenten und einer Sozialarbeiterin, und erzählt: „Ich wurde als 17-Jähriger in meiner Heimat aus politischen Gründen inhaftiert. Das Land hatte sich für mich verändert, ich fühlte mich auch nach meiner Freilassung weiter wie in einem Gefängnis, also habe ich meine Wurzeln abgeschnitten und bin geflohen.“ Nach einer kurzen Pause fährt er fort. „Das war schmerzhaft.“ Den beiden anderen in der Runde wird bewusst, welche existentielle Entscheidung das war, und dass sie sich glücklich schätzen können, diese nicht treffen zu müssen. Aber im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus: Mit dem Erstarken rechter Parteien im eigenen Land haben auch sie dieses bislang unvorstellbare Thema zumindest gedanklich schon einmal gestreift: Was muss passieren, damit ich mein Land verlasse?
Rund 60 Besucher*innen sitzen im großen Veranstaltungsraum des Bürger- und Sozialzentrums (BUS) in Huchting in Kleinstgruppen zusammen: Menschen aus dem Stadtteil, angehende Wirtschaftsingenieur*innen der Hochschule mit ihrem Professor und Menschen aus anderen Bremer Stadtteilen, die am Marktplatz mit dem eigens eingerichteten Shuttlebus abgeholt wurden. Über ein Audiosystem werden kurze Beiträge von Bewohner*innen aus dem Stadtteil zu einem Thema, das sie bewegt, eingespielt. Die O-Töne wurden vom Kulturladen Huchting auf der Straße eingefangen und im Jugendzentrum. Es sind persönliche Geschichten aus dem Quartier über Armut, Sprache lernen, Gemeinschaft im Stadtteil, Krieg und Frieden. Daraus werden Fragen abgeleitet: Welche Herausforderungen gab es in deiner Jugend? Wann fühlt man sich arm? Hast du dich schonmal nicht dazugehörig gefühlt? Zu diesen Fragen finden sich die Gäste in wechselnden Dreier-Gruppen für jeweils etwa zwei Minuten zusammen, um sich über ihre eigenen Erfahrungen und Einstellung zu diesen Themen auszutauschen: Habe ich schon einmal Ähnliches erlebt?
Vera Zimmermann und Claudius Joecke vom Kulturladen hatten das Format „Bitte setzen! – Ich will, dass du siehst, was ich sehe“ zu Corona-Zeiten entwickelt, um einer sich abzeichnenden Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. „Grundsätzlich geht es in einer demokratischen Gesellschaft darum, dass wir alle gehört und gesehen werden wollen und sollten“, erklärt Vera Zimmermann den Ansatz. Deshalb sei „Biografie-Arbeit“ die Grundlage aller Projekte des Kulturladens. „Wir hören persönlichen Geschichten zu. Dadurch lernen wir viele unterschiedliche Facetten des Menschen kennen. So können Verständnis und Mitgefühl entstehen, die wiederum zum Handeln und zu gemeinsamen Lösungen führen können.“
Dieses demokratiefördernde Konzept hat auch den Bremer Rat überzeugt, der es kurzerhand auf Bremer Stadtteile übertragen hat. „Wir sehen die heutige Veranstaltung als Pilotprojekt“, sagt Vorstandsmitglied Selda Kaiser. „Heute war es uns ein Anliegen, den Stadtteil Huchting gemeinsam besser kennenzulernen, seine Vielfalt, seine Stärken, aber auch die Themen und politischen Anliegen, die die Menschen vor Ort bewegen.“ Welche Erfahrungen prägen den Alltag der Bewohner*innen? Welche Wünsche und Bedürfnisse gibt es für die Zukunft des Stadtteils? Und wie kann gesellschaftliche Teilhabe für alle gestärkt werden?
Am Ende des Abends waren viele Teilnehmende überrascht, wie intensiv und persönlich die kurzen Gespräche mit ihnen fremden Menschen verliefen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Tage kamen und welche Erkenntnisse sie gewonnen haben. Demokratie lebt vom Perspektivwechsel: Wer sich in die Lage anderer versetzt, stärkt das Gemeinwesen. Deshalb ist es dem Bremer Rat auch ein großes Anliegen, das Projekt in anderen Bremer Stadtteilen und auch in Bremerhaven weiterzuführen.
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